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Augenblick mal

Juni 2017
Time is on your side

München. Der Zeit-Forscher und Zeit-Berater Jonas Geißler arbeitet mit Lust, Neugierde und Leidenschaft an Zeit-Themen. Der studierte Soziologe und Medien-Manager ist als Trainer, Berater und Coach für unterschiedli-che Organisationen tätig. Daneben ist er Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Hochschule Mün-chen. In einem Gastbeitrag für die RQP-Info erläutert er, inwiefern der kompetente Umgang mit Zeit von vielen unterschiedlichen Perspektiven und Faktoren abhängt.


Time is on your side!

München. Der Zeit-Forscher und Zeit-Berater Jonas Geißler arbeitet mit Lust, Neugierde und Leidenschaft an Zeit-Themen. Der studierte Soziologe und Medien-Manager ist als Trainer, Berater und Coach für unterschiedli-che Organisationen tätig. Daneben ist er Lehrbeauftragter an
der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Hochschule Mün-chen. In einem Gastbeitrag für die RQP-Info erläutert er, inwiefern der kompetente Umgang mit Zeit von vie-len unterschiedlichen Perspektiven und Faktoren abhängt.

Zeitgenossen wollen ihren Urlaub in Rom verbringen. Herr Althaus entschei-det sich für das Flugzeug. Er steigt in Frankfurt ein und ist zwei Stunden spä-ter in Rom. Herr Blum hingegen bevor-zugt den Zug. Mit Umsteigen in Verona braucht er elf Stunden bis zur Stazione Termini. Die dritte Person, Frau Car-lotta, nimmt auch den Zug, steigt aber in Florenz aus, um sich von dort, die toskanische Hügellandschaft durchque-rend, nach Rom auf den Weg zu machen, wo sie schließlich eine Woche später ankommt.
Wer von den drei Reisenden hat auf dem Weg nach Rom, wo bekanntermaßen viele Wege hinführen, die meiste Zeit gewonnen? Welche der drei Personen geht klüger mit Zeit um? So ganz einfach und allgemeingültig lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Was uns diese kleine Geschichte aber zeigt ist, dass der kompetente Umgang mit Zeit von vielen unterschied-lichen Perspektiven und Faktoren abhängt – und sich unmittelbar auf all unsere Handlungen und Tätigkeiten auswirkt.
Zeitkompetenz ist eine Basiskompetenz. Jeder noch so gute Einkäufer, jede noch so qualifizierte Führungskraft profitiert nur von ihren Fachkompetenzen, wenn die eigene Zeit so gestaltet wird, dass diese auch wirksam werden können. Die Erfahrung zeigt, dass viele, sehr viele Ressourcen – das heißt Fähigkeiten, Erfahrungen, Kenntnisse – zwar teuer von Unternehmen eingekauft werden, diese ihm aber aufgrund der zeitlichen Rahmenbedingungen nicht zur Verfügung stehen. Da sitzen hoch bezahlte Führungskräfte ihre Zeit in unproduktiven Meetings ab oder verbringen sie mit unzähligen E-Mails. Häufig verlieren sie sich in operativer Hektik, statt Führungsaufgaben
nachzugehen oder sequenzieren ihre Arbeitszeit durch ständige Unterbrechungen in immer klei-ner Häppchen. Für die Unternehmen und die Betroffenen endet dieser Zustand nicht selten in blindem Aktionismus, rasendem Stillstand, Sinnverlust oder der totalen Erschöpfung.
Klug mit Zeit umzugehen bedeutet hingegen, das Thema auf zwei Ebenen anzugehen und zu gestalten – der Zeitkultur im Unternehmen und der Zeitkompetenz von Führungskräften und Mitarbeitern.
 

Zeitkultur

In einer im doppelten Sinne „Zeit-gemäßen“ Unternehmenskultur nimmt der Nutzen von Zeit-knappheit ab. Führungskräfte und Mitarbeiter müssen nicht länger über hektisches Tun und pau-senlose Aktivität ihre Zugehörigkeit zum Kreise der Erfolgreichen demonstrieren und sicherstel-len. Zeit zu haben ist nicht länger verdächtig.
Es können viele unterschiedliche Zeitformen gelebt werden – schnelle, langsame und viele da-zwischen. Produktive Pausen gehören genauso dazu, wie sinnvolle Auszeiten, Übergänge, An-fänge und Abschlüsse. In einer förderlichen Zeitkultur wird die Zeit zum Thema der Kommunika-tion gemacht. Man nimmt sich gemeinsam Zeit für die Zeit, zieht die zeitliche Brille auf und be-trachtet z.B. Entscheidungen auch von ihrer zeitlichen Seite.
In Teams, Abteilungen oder Arbeitsgruppen sind die verschiedenen zeitlichen Bedürfnisse und Ansprüche bekannt (Zeittypenanalyse). Ihre Unterschiedlichkeit wird als Basis für die produktive Zusammenarbeit gestaltet und genutzt.  Auch für das unternehmerisch sehr aktuelle Thema, die eigene Innovationskraft zu steigern, spielt Zeitvielfalt eine zentrale Rolle. Um wirklich innovativ zu sein, braucht es Zeiten zum Grübeln, zum Experimentieren und Fehler zu machen. Wir benötigen Zeiträume, um z.B. Serendipität zu fördern – jene Begabung, Dinge zu finden, nach denen man nicht gesucht hat. In einem Zustand operativer Hektik stellt sich der Innovationsgeist nicht ein. Um die Zeitkultur eines Unternehmens weiterzuentwickeln, gibt es zahlreiche Werkzeuge – z.B. die Zeitkulturanalyse. Mit ihrer Hilfe kann festgestellt werden, was schon gut läuft (und das ist meistens mehr, als man denkt) und wo es konkreten Handlungsbedarf gibt. Hierauf aufbauend lässt sich dann eine für Produktivität, Innovationskraft und Zufriedenheit förderliche Zeitkultur gestalten.
 

Zeitkompetenz
 
Zusätzlich zur Zeitkultur lässt sich die Zeitkompetenz der Einzelpersonen fördern. Sie umfasst ein ganzes Bündel an Fähigkeiten, Kenntnissen und Erfahrungen und wird über Seminare oder Coachings entwickeln. Zeitkompetenz bedeutet vor allem, bewusst mit Zeit umzugehen – z.B. indem konkrete Antworten auf die Frage gefunden werden: „Was mache ich eigentlich den gan-zen Tag?“ Dieser Reflexionsprozess führt aus dem Modus des „Irgendwie Reagierens“ in ein souveränes Agieren, steigert die eigene Selbstwirksamkeit und reduziert nachweislich Belastungen.
Zur Zeitkompetenz gehört auch, den eigenen Rhythmus von Aktivität und Regeneration zu ken-nen und als Grundlage der Arbeitsgestaltung zu nutzen. Ausgehend von diesem Basisrhythmus lassen sich Pausen, Phasen der Fokussierung und Konzentration im produktiven Wechsel ge-stalten. Das bedeutet auch, Erreichbarkeit, Störungen und Unterbrechungen zu begrenzen. Um weiterhin leistungsfähig, gesund und motiviert zu bleiben, braucht es vermehrt Fähigkeiten im Auswählen, Entscheiden, Verzichten und Ignorieren.

Jonas Geißler
Gründer und Teilhaber von timesandmore

  • Lebt die Zeit, in dem er Unternehmen gründet, Organisationen berät, Seminare und Vorträge hält und sie mit seinen Kindern verbringt.
  • Geboren 1979 in München.
  • Studium: Soziologie und Medien-Management.
  • Tätigkeit als Media-Producer und Produktionsleiter.
  • Ausbildung zum Trainer und Berater.
  • Gruppendynamische Ausbildung zum Leiter und Berater von Gruppen (nach DAGG).
  • Weiterbildung in systemischer Organisationsberatung (Simon, Weber & Friends).
  • Ausbildung zum Social Impact Entrepreneur.
  • Trainer und Berater für unterschiedliche Organisationen.
  • Speaker, Buchautor, Radio- und TV-Beiträge.
  • Lehrbeauftragter an der LMU München und der Hochschule München.
  • Netzwerker bei SoVal – Netzwerk für Beratung, Lernen und Entwicklung.
  • Partner bei Materne Training.
  • Gründer und Aufsichtsrat der MANEMO eG.
  • Gründer und Teilhaber von timesandmore – Institut für Zeitberatung.
  • Arbeitsschwerpunkte: Nachhaltigkeitsberatung, systemische Organisationsentwicklung, Team- und Führungskräfteentwicklung und Zeitberatung.

Wer kompetent mit Zeit umgeht, gestaltet seine zeitlichen Spielräume und geht stim-mig mit unveränderlichen Vorgaben um. Wir sind nie ganz frei im Umgang mit Zeit, aber auch nie ganz gefangen. Meist geht wesent-lich mehr als es die vermeintlichen Sach-zwänge vermuten lassen. Eine lustvolle und mutige Gestalter- und Experimentierhaltung hilft dabei, Neues auszuprobieren, Muster zu brechen und Spielregeln zu verändern. Nicht nur aus Eigennutz heraus, sondern auch mit Blick auf das Wohlbefinden und die Produktivität des Unternehmens und seiner Mitglieder. Hierbei sind Führungskräfte be-sonders gefragt. Sie wirken durch ihr Ver-halten kulturprägend und Muster setzend.
Dies trifft beispielsweise auch auf die eige-nen Zeitressourcen zu. Unsere Perspektive auf die Zeit ist häufig sehr mangelorientiert. Sie fällt uns immer nur dann auf, wenn sie zu knapp ist, zu schnell vergeht, zum Pro-blem wird. Dabei übersehen wir häufig die vielen wertvollen Zeiten, die ganz wesent-lich zu unserem Wohlbefinden beitragen – Zeiten der Wertschätzung, der Selbstwirk-samkeit, des produktiven Austauschs und andere mehr. Das Gute an den Zeitressour-cen ist, dass wir sie einfach nur wahrneh-men, bewusst genießen und vor Übergriffen schützen müssen. Zeit ist nämlich gar nicht knapp. Es kommt täglich neue nach. Oder frei nach Bob Dylan: „time is on your side”.
 

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