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Augenblick mal - Kann man unternehmerische Persönlichkeiten eigentlich ausbilden?

Dezember 2014
von Christiane Tiemann

RQP Info: Ausgabe 04/Dezember 2014

Gastbeitrag: Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen | FIF der Zeppelin Universität

In aktuellen Debatten wird vermehrt die Forderung gestellt, unternehmerische Fragestellungen und ein grundlegendes Verständnis von wirtschaftlichen Themen in die Lehrpläne von Schulen aufzunehmen. Die Gründe für diese Forderung sind vielfältig: Unternehmerische Aktivität ist zentraler Treiber von volkswirtschaftlichem Wohlstand und zu viele Schüler kommen im Laufe Ihrer Ausbildung gar nicht oder nur sehr theoretisch mit Unternehmertum in Kontakt.
 

Prof. Dr. Reinhard Prügl | Wissenschaftlicher Leiter des FIF und eMA FESH | reinhard.pruegl@zu.de; Dr. Ursula Koners | Institutsmanagerin FIF, Programmdirektorin eMA FESH | ursula.koners@zu.de; Jana Hauck | Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin | jana.hauck@zu.de (v.l.n.r.). Foto: FIF

Auch an Hochschulen und Universitäten wurde die Ausbildung von unternehmerisch denkenden Persönlichkeiten sehr lange vernachlässigt, denn die angebotenen Studiengänge mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft konzentrieren sich oft auf die Perspektive börsennotierter Konzerne.

Wird man eigentlich als unternehmerische Persönlichkeit geboren oder kann man das Unternehmerische auch lernen?  

Diese Frage beschäftigt die Entrepreneurship-Forschung schon lange Zeit.  Die existierenden Forschungsergebnisse gleichen einem Puzzle, welches noch nicht ganz lückenfrei zu einem großen Gesamtbild zusammengesetzt ist. Bisherige Erkenntnisse gehen davon aus, dass sowohl biologische als auch soziologische Faktoren eine Rolle für unternehmerische Aktivität spielen. So haben die Entrepreneurship-Forscher Nicolaou und Shane kürzlich gezeigt, dass die genetische Disposition durchaus auf die Tendenz, unternehmerisch aktiv zu werden, wirkt.  Andere Studien zeigen jedoch, dass soziologische Faktoren noch wichtiger zu sein scheinen. So konnte gezeigt werden, dass der direkte Kontakt mit unternehmerischen Persönlichkeiten als Rollenmodell und Vorbild sowie der Kontakt zu Personen in ähnlichen Situationen („Peers“) – sprich in der Gründungs- und Nachfolgephase – einen starken Einfluss haben.  

Darüber hinaus spielt die Bildung und Nutzung von Sozialkapital, im Sinne von belastbaren Netzwerken, für die Ausprägung unternehmerischer Aktivität eine wichtige Rolle All dies kann Anhaltspunkte für eine sinnvolle und zielführende Unternehmerausbildung geben.

Was sind die Herausforderungen bei der Unternehmerausbildung an Hochschulen?

Rund 75 Prozent der Deutschen glauben daran, dass man Unternehmertum lernen kann.  Wir sind allerdings der Überzeugung, dass Unternehmer anders lernen und man deshalb zunächst den klassischen Lernbegriff neu definieren muss. Es kann und darf nicht darum gehen, möglichst effizient und störungsfrei Informationen zu übermitteln. Stattdessen sollte vielmehr die Fähigkeit vermittelt werden, Probleme zu definieren und spezifische Lösungen für genau diese zu entwickeln.

Es geht also vor allem um die Erkenntnis, dass unternehmerische Probleme aus möglichst vielen Blickwinkeln betrachtet werden müssen. Dieser Lernbegriff sollte sich in der Entrepreneurship Education über alle akademischen Level, von Bachelorkursen angefangen über Masterkurse und auch berufsbegleitende Masterkurse wiederfinden. Besonders gut kann die Brücke zwischen Theorie und Praxis in berufsbegleitenden Masterstudiengängen mit Schwerpunkt (Family) Entrepreneurship geschlagen werden.

Die neue Sicht auf das Lernen legt allerdings auch eine handlungsorientierte Unterrichtsmethodik nahe. Handlungsorientierung bedeutet in diesem Zusammenhang die aktive, größtenteils selbstgesteuerte Aneignung eines Lerngegenstands. Handlungsorientierte Vermittlungsformen können beispielsweise Projektseminare sein, in deren Rahmen die Studierenden in kleinen Teams ein konkretes integriertes Unternehmenskonzept entwickeln, beginnend mit der Ideenphase und darauffolgenden Machbarkeitsstudien.

Wie sieht Unternehmerausbildung ganz konkret aus?

Mit der neuen Definition des Lernbegriffs und den erforderlichen Unterrichtsmethoden geht auch ein Rollenwandel des Lehrenden einher: Der Lehrende wird ebenfalls zum Lernenden und auch zum Coach, zu einer Art Navigator oder Second Level Support, das heißt er springt immer dann ein, wenn es ein Problem zu lösen gibt oder zusätzliches Wissen vonnöten ist. Oft wird die Frage gestellt, ob Hochschulprofessoren, die selten über eigene unternehmerische Erfahrung verfügen, eigentlich Gründern, Unternehmern und Nachfolgern Wissen vermitteln können. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn beide Seiten offen für die Perspektive des anderen sind und die Lehrinhalte auf Forschungsprojekten beruhen, die in enger Kooperation mit Unternehmen bearbeitet wurden.

Neben der Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten spielt aber vor allem der Aufbau eines vertrauensvollen und belastbaren Netzwerks eine relevante Rolle in der Unternehmerausbildung. Die Interaktion mit Unternehmern in einer ähnlichen Situation kann helfen, die eigene Situation neutraler beurteilen zu können. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt 2024, welches am FIF mit dem Ziel der Schaffung eines vertrauensvollen Austauschs zwischen jungen Mitgliedern von Unternehmerfamilien gestartet wurde. Hierbei suchen die Teilnehmer langfristige Bindungen in und an das Netzwerk, weshalb die Begleitung der Hochschule und der Lehrenden idealerweise über die formale Dauer des Kurses/Studiengangs hinausgeht, zum Beispiel im Rahmen von Alumni-Treffen. Besonders bereichernd ist auch der Erfahrungsaustausch über Generationen hinweg – und außerhalb der eigenen Familie – denn Unternehmer hören nie auf zu lernen, und viele suchen deshalb auch in allen Lebensphasen nach Weiterbildungsmöglichkeiten.

Das Friedrichshafener Institut für FIFFamilienunternehmen | FIF ist an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen beheimatet und auf die Themen Nachfolge und Nachfolgerqualifizierung, Innovation, Strategie und Finanzierung in Familienunternehmen spezialisiert. Es trägt neben vielfältigen Lehrtätigkeiten rund um das Thema (Family) Entrepreneurship in grundständigen Bachelor- und Masterstudiengängen zur Bildung und Förderung des Unternehmerischen bei. Darüber hinaus hat das FIF mit dem eMA FESH (executive Master of Arts for Family Entrepreneurship), einen in Europa einzigartigen berufsbegleitenden Masterstudiengang für Nachfolger, Gesellschafter und Führungskräfte in Familienunternehmen geschaffen. Inspirierender und vertrauensvoller Austausch wird über das Veranstaltungsangebot des FIF, welches von Unternehmerabenden bis hin zum zweitägigen Unternehmerkongress „FamilienFrühling“ (www.zu.de/fff) reicht, sowie über das FIF-Panel (www.fif-panel.de) für „ausgewachsene“ Familienunternehmer und das Projekt 2024 (www.projekt2024.de) für junge Mitglieder von Unternehmerfamilien geschaffen.

Kontakt
Zeppelin Universität
Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen | FIF
Am Seemooser Horn 20
88045 Friedrichshafen

Dr. Ursula Koners, Institutsmanagerin FIF & Programmdirektorin eMA FESH
ursula.koners@zu.de | 07541 6009 1284

Foto: FIF

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