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„Das Bäckereisterben ist nicht vorprogrammiert!“

Dezember 2013
von Christiane Tiemann, Tanja Werner

RQP Info: Ausgabe 04/Dezember 2013

RQP-Berater Günter Lohse und Christian de Decker im Gespräch mit RQP Info

Gehen in Norddeutschlands Bäckereien bald die Lichter aus? „Vier von zehn Backbetrieben werden bis zum Jahr 2020 vom Markt verschwinden“, prognostizierte der Verband der Großbäckereien schon im vergangenen Jahr im Handelsblatt. Auch der Spiegel berichtete, „Jeden Tag macht eine Bäckerei dicht“. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. „Mit Top-Produkten, freundlicher Bedienung und einem guten Geschäftskonzept können Bäckereien weiter am Markt bestehen“, sagte der Geschäftsführer der Bäcker- und Konditorvereinigung Nord, Heinz Essel, gegenüber dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z). „Das ist völlig richtig“, sagen auch die beiden RQP-Berater Günter Lohse (Teamtraining Lohse) und Christian de Decker (procarus Unternehmensberatung). Die beiden Experten aus dem RQP-Beraterpool stehen insbesondere dem Bäckerhandwerk mit einem breit gefächerten Beratungsangebot zur Seite. „Allerdings sollten die Bäcker nicht erst am Vorabend der Zahlungsunfähigkeit auf uns zukommen“, meint Berater Lohse und de Decker ergänzt: „Man braucht Zeit, damit Strukturen und Prozesse wettbewerbsfähig gemacht werden können.“ RQP Info hat sich mit den beiden Beratern über die Zukunft der Bäckereibranche im Norden unterhalten.

RQP Info: Wie ist es um das Bäckerhandwerk in Norddeutschland wirklich bestellt?

Lohse: Die Situation hat sich im vergangenen Jahr weiter verschärft. Supermärkte und sogar Warenhäuser haben riesige Backwarenabteilungen geschaffen und verkaufen dort zu Preisen, bei denen Handwerksbetriebe kaum mithalten können. Zugleich steigen die Kosten für die Backstuben, zum Beispiel für Energie.

de Decker: Aber auch die kleinen Backstationen der Discounter machen den Bäckereien zunehmend das Leben schwer. Ein weiterer Einflussfaktor sind Großbetriebe der Backindustrie, die vom weißen Toast bis schwarzem Brot mittlerweile alles anbieten.

RQP Info: Also ist das Todesurteil für das klassische Bäckereihandwerk schon gefällt?

Lohse: Ich habe zum Glück noch viele Kunden, die sich sehr gut aufgestellt haben und zukunftsfähig sind, wenn es auch immer schwerer wird.

de Decker: Trotzdem ist die Zeit der Insolvenzen keineswegs zu Ende.


RQP Info: Wie können Sie hier helfen?

de Decker: Ich sehe mir zunächst einmal die wirtschaftliche Lage der Unternehmen an: Einkaufskonditionen, Produktportfolio und Kalkulationsstrukturen, Stundensätze, Lieferrouten, Verschuldung, Kommunikation mit Banken – die gesamte Palette aus dem kaufmännisch-organisatorischen Bereich. Dank meiner langjährigen Berufserfahrung als Betriebswirt in der deutschen und europäischen Industrie und durch die vielen Beratungsmandate finden sich fast immer die Ursachen für schwierige Situationen, aber eben auch Lösungswege.

Lohse: Da erlebt man die spannendsten Dinge. Eine Bäckerei beklagte sich über hohe Energiekosten. Kein Wunder. Der für den lokalen Markt viel zu groß gemauerte Ofen war uralt, ein Museumsstück, und hat zehntausende Liter Öl pro Jahr verbraucht. Ich habe einen neuen Elektroofen besorgt und die Befeuerungskosten um 90 Prozent reduziert. Wie auch in anderen Branchen gibt es immer wieder eine gewisse Betriebsblindheit: „Wi hepp dat schon immer so mookt und dat geit och so wieter“. Es geht aber heute oft nicht so weiter.


RQP Info: Herr Lohse, welches sind Ihre Beratungsschwerpunkte?

Lohse: Wissen Sie, ich bin schon in einer Backstube geboren worden. Das ist kein Scherz. Ich habe das Bäckereihandwerk gelernt, wenn ich anschließend auch Kommunikationstrainer geworden bin und im Handel war – mit Personalentwicklung als Schwerpunkt. Meine Stärke ist jedoch, dass ich mich mit den Bäckermeistern auf Augenhöhe unterhalten kann. Da werden schnell Barrieren abgebaut. Außerdem bin ich in der Lage, Prozesse im Laden oder beim Backen genau zu analysieren und stehe dafür auch morgens um zwei Uhr in der Backstube. Als Schattenmann arbeite ich hautnah mit der Geschäftsleitung zusammen, kontrolliere die Umsetzung von Ideen oder schule die Teams.

RQP Info: Welche Strategien empfehlen Sie Bäckereien, die wettbewerbsfähiger werden wollen?

de Decker: In erster Linie ist natürlich eine ausgewogene Balance der kaufmännischen und handwerklichen Situation nötig. Dann müssen sie sich mit Alleinstellungsmerkmalen klar positionieren. Jeder kann heute aus Backmischungen ein Brot backen. Aber beispielsweise anspruchsvolle Bioprodukte, der Verzicht auf Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker, Hintergrundwissen über gesunde Ernährung – das kann nur ein Fachgeschäft bieten. Dazu gehört ein angenehmes Ambiente und vielleicht eine Ecke, wo man ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee nicht nur verzehren, sondern auch genießen kann. Kurz: Sie müssen sich abheben, in dem Sie mit Qualität punkten.

Lohse: Zu dieser Qualität gehören auch motivierte und gut ausgebildete Verkäuferinnen und Verkäufer, die ihren Kunden die Vorzüge der Produkte erklären können und dafür sorgen, dass sie gern wiederkommen.

de Decker: Manchmal müssen wir den Unternehmern sogar empfehlen, sich einen anderen Standort zu suchen. Eine Bäckerei am Hamburger Hauptbahnhof muss sich nicht so große Sorgen machen. Die Bäckerei in Klein Kleckersdorf mit 700 Einwohnern wird es in Zukunft noch schwerer haben. Sie muss schon sehr außergewöhnliche Produkte anbieten, damit Kunden eine Extratour zum Geschäft machen.


RQP Info: Haben Sie noch einen Wunsch – so kurz vor Weihnachten?

Lohse: Ja, ich hätte da einen. Ich wünsche mir von allen Bäckermeistern, dass sie rechtzeitig auf uns zukommen und Vertrauen zu uns entwickeln. Das Bäckereisterben ist nicht vorprogrammiert. Ich muss nur ein zeitgemäßes Einmaleins beherrschen und bereit sein, mich auf neue Ideen einzulassen. Dann können wir gemeinsam viel für die Betriebe herausholen.

de Decker: Dem schließe ich mich an. Kommen Sie rechtzeitig. Unsere Arbeit mit all den erforderlichen Prozessveränderungen und der Überzeugungsarbeit auch im Team ist nicht in zwei Tagen gemacht.

Mit Günter Lohse und Christian de Decker sprach RQP-Berater Jörg Manthei.

RQP-Beraterprofil: Christian de Decker (procarus Unternehmensberatung)

Der studierte Betriebswirt baut bei seinen Beratungen vor allem auf die Elemente Vertrauen und Qualität als die Summe von Wissen und Erfahrung. Der bewusst als „Einzelkämpfer“ agierende RQP-Experte ist branchenübergreifend vor allem auf die Lösung kaufmännischer Aufgabenstellungen ausgerichtet. Beispiele sind Analyse, Planung, Finanzen und Controlling. Bei der Beratung werden keine vorgefertigten Schemata verwendet, sondern die Arbeit wird immer individuell auf das Unternehmen maßgeschneidert. Christian de Decker ist seit zehn Jahren Berater, davor hat er für verschiedene Unternehmen der deutschen und europäischen Industrie gearbeitet.

RQP-Beraterprofil: Günter Lohse (Teamtraining Lohse)

Der gelernte Bäcker ist schon in der Backstube geboren, verfügt außerdem aber über umfangreiche Erfahrungen als Kommunikationstrainer. 11 Jahre hat der ebenfalls als „Einzelkämpfer“ agierende Experte im Handel in der Personalentwicklung gearbeitet. Seit 23 Jahren ist der Schleswig-Holsteiner branchenübergreifend als selbstständiger Berater unterwegs. Sein Motto: „Wir werden nicht nur reden, sondern wir tun!“ Zu den Aufgabenschwerpunkten gehören Unternehmensanalysen, Verkaufsförderung, zum Beispiel über Trainings und Verkaufsschulungen, sowie die Qualitätssicherung und -verbesserung bei Produktabläufen.

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